Projekt: Hut ab – Motopädagogik für Senioren arbeitet mit Alltagsmaterialien und will Körper und Geist ansprechen

Ältere Menschen wünschen sich, dass ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten so lange wie möglich erhalten bleiben. In Seniorenheimen werden Angebote für den Kopf gemacht, zum Beispiel Gedächtnistraining, und für den Körper, zum Beispiel Gymnastik. Eine relativ neue pädagogische Richtung, die Motopädagogik, setzt sich zum Ziel, Körper und Geist in einer Einheit zu fördern. Jetzt haben fünf Mitarbeiterinnen aus der Alten- und Behindertenhilfe eine einjährige Weiterbildung an der Fachschule für Motopädagogik des IBAF (Institut für berufliche Aus- und Fortbildung der Diakonie) beendet. Zum Abschluss boten sie für ältere Menschen des Kieler Senioren-Pflegeheims Domicil eine motopädagogische Stunde an.

Nachdem sich die Seniorinnen im Stuhlkreis mit kreisenden Fußbewegungen warm gemacht haben, stellt Motopädagogin Martina Bößendorfer einen Karton in die Mitte. „Was könnte in der Kiste sein?“, fragt sie. Die Seniorinnen dürfen unter die Decke greifen, mit der die Kiste abgedeckt ist, um zu fühlen. „Körbe?“, „Toilettenpapier?“, so die Vorschläge zweier Seniorinnen. Nein, im Karton sind weder Körbe noch Toilettenpapier, sondern Hüte der verschiedensten Art und Farbe. Jede Teilnehmerin darf sich einen aussuchen und aufsetzen. Die Seniorinnen fangen an zu lachen. „Der Cowboyhut steht Ihnen gut.“ - „Mit diesem Pelzhut werde ich bestimmt nicht frieren.“ - „Sie sehen aus wie ein Farmer.“ Schon sind die Teilnehmerinnen im Gespräch. Frau Krebs erzählt mit leuchtenden Augen, dass sie früher einen wunderschönen Florentinerhut hatte, eine andere Teilnehmerin schwärmt von den roten Kirschen, die ihren Hut schmückten. „Man trug sonntags in der Kirche Hüte; wir Frauen durften den Hut aufbehalten, doch die Männer mussten ihn abnehmen“, erzählt Frau Engelbrecht. Alte Erinnerungen werden wach. Motopädagogin Martina Petzold führt behutsam durch das Gespräch: Zu welchen Berufen gehören Hüte? Was gibt es für Sprichwörter mit Hüten? Man kommt von einem zum anderen, und die Senioren überlegen mit. Nun folgen kleine Bewegungseinheiten mit den Hüten: Hüte vor dem Körper halten, im Sitzen unter einem Bein hindurchschieben; auch die Seniorinnen haben Ideen: Hüte auf- und absetzen oder hin- und herschwenken. Ein Hut kann auch ein Wanderhut sein. So singen die Teilnehmerinnen gemeinsam: „Mein Vater war ein Wandersmann“ und wandern im Takt mit den Füßen mit. Bevor die Entspannung, eine Traumreise, beginnt, werfen die Seniorinnen die Hüte in die Kisten – Volltreffer. Zum Abschluss klatschen alle. Offensichtlich hat ihnen diese besondere Stunde gefallen, an deren Ende jede von ihnen einen Becher mit duftenden Erdbeeren erhielten.

„Diese Berufsrichtung ist wie für mich gemacht“, sagt Motopädagogin Jeannette Horn. Sie arbeitet in einem katholischen Seniorenheim und bietet dort zweimal täglich eine motopädagogische Gruppe an. „Mir gefällt die Vielseitigkeit: Wir sprechen die Bewegung, das Denken, den Tast- und Geruchssinn an und verhelfen Senioren zu einem Gefühl von Gemeinschaft.“ Horn ist auch in ihrer Freizeit immer auf der Suche nach Alltagsmaterialien, die sich für die motopädagogische Arbeit anbieten – seien es Federn, Wäscheklammern oder Pappteller. „Wichtig ist für mich, dass wir die alten Menschen so belassen wie sie sind und nicht werten“, sagt Domicil-Mitarbeiterin Avje Petersen. „Alte Menschen sind keine Kleinkinder – auch, wenn sie manchmal so behandelt werden, sondern Erwachsene mit einer langen, speziellen Lebensgeschichte“, sagt Petersen. Sie leitet im Domicil bislang Gymnastikgruppen und will nun auch eine Motopädagogik-Gruppe anbieten. „In Gymnastik-Gruppen macht jemand etwas vor, das die anderen nachmachen, doch in der Motopädagogik machen sich die Teilnehmer selber Gedanken.“

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